Zur Entstehung der Erzgebirgischen Handwerkskunst

05.04.2021 00:03

Glück auf! Mein Name ist Oskar und ich möchte sehr gerne aus meinem Leben mit der Erzgebirgischen Handwerkskunst berichten.


Ich bin von Beruf Bergmann, sowie auch Holzkünstler und meine Vorfahren und mich gibt es hier im wunderschönen Erzgebirge schon ganz lange. Hmmm, aber warum heißt es nun Erzgebirge? Also damals im 12. Jahrhundert gab es in diesem Gebirge sehr viel Erzvorkommen und deshalb haben wir den Gebirgsnamen dem vielen Erz zu verdanken.


Früher arbeiteten fast alle meine Mitmenschen im Bergbau. Oh, was hatten wir da den ganzen Tag immer zu tun, diese Arbeit war sehr anstrengend. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie es damals immer war. 
Doch weil wir alle so fleißige Bergmänner waren und über viele Jahre und Generationen hinweg sehr hart im Bergbau gearbeitet hatten, kamen irgendwann schlechte Zeiten für uns, denn wir hatten unsere Arbeit aufgebraucht, sie war schlichtweg ausgeerzt. 
Im 19.Jahrhundert fanden wir einfach keine Rohstoffe mehr. 


Nun brauchten wir natürlich weiterhin unsere Einkünfte für unsere Familien und da mussten wir gar nicht lange überlegen, was wir Bergmänner statt dem Bergbau machen könnten, denn schließlich hatten wir im Erzgebirge sehr viel Holz. Und so kam es, dass wir schnell neue Produktionszweige, wie das Verarbeiten von Holz, das Drechseln und das Schnitzen ins Leben gerufen haben. So wurde aus mir plötzlich ein Handwerkskünstler, denn ich erschuf von nun an mit meinen ehemaligen Bergbaukollegen kleine, lebensechte und immer freundliche Figuren. 


Gerade zu den damaligen schweren Zeiten hat uns die Herstellung der erzgebirgischen Holzkunst viel Hoffnung geschenkt. Hoffnung auf bessere Zeiten. Unsere hergestellten Kunstwerke haben einfach immer ein lächelndes Gesicht, sie sind immer voller Lebensfreude – und das waren auch wir, wenn unsere Freunde, Bekannten und noch viele andere Menschen strahlten und sich über unsere Räuchermännchen, Nussknacker, Schwibbögen, Pyramiden und viele weitere handgefertigte Unikate freuten. Die Freude der Menschen zu sehen, sobald sie in die Augen meines Raachermannels blickten, waren so unbezahlbar. Das hat mir so viel Kraft gegeben und mich darin ermutigt, immer weiter handwerklich als Holzkünstler kreativ zu sein und es auch zu bleiben. 
In meinem langen Leben habe ich nun schon sehr viele Figuren entstehen lassen. 
Eine interessante Geschichte haben da die Räuchermännchen zu erzählen:


Mitte des 18.Jahrhunderts haben wir schon immer gerne zur dunklen Jahreszeit schöne, winterliche Gerüche im ganzen Haus verbreitet. Dazu haben wir nach Tannen duftende Räucherkegel – die späteren Räucherkerzen – angezündet. Damals standen sie einfach so auf dem Tisch, doch weil wir jetzt ja so erfinderisch waren, haben wir den Kegeln einfach ein hübsches Behältnis gedrechselt, das Räuchermännchen. 
Als Vorlage für diese kleinen Manneln dienten uns Menschen aus unserem alltäglichem Umfeld, wie u.a. Waldarbeiter, Bauern, Nachtwächter, Schäfer, Spielzeugmacher, Bäcker, Pilzsammler und natürlich nicht zu vergessen, wir Bergmänner. 


Heutzutage sind unter den Räuchermännchen nicht nur Handwerksberufe zu finden, denn die Auswahl ist mittlerweile mit Polizisten, Ärzten, aber auch Schneemännern, Weihnachtsmännern, Räucherhäusern, Kantenhockern, Kugelfiguren, Öfen, ja sogar Tieren und noch sehr vielen mehr, so riesengroß geworden und so ist für wirklich jeden etwas zum Räuchern dabei.


Als um etwa 1850 das erste Räuchermännchen auftauchte, war das kleine mit seiner Pfeife rauchende Mannel sofort beliebt. Diese Beliebtheit hatten wir auch einem gesellschaftlichem Wandel zu verdanken, denn zu eben dieser Zeit wurde das Rauchen in der Öffentlichkeit immer mehr geachtet und so sah man auf den Straßen einige Männer, welche rauchten. Zuvor hatte man noch eher sehr privat im Bereich des zu Hauses geraucht. Somit sind wir also mit unseren Räuchermännchen direkt in das tägliche Alltagsleben eingestiegen.


Neben diesen Manneln entwarfen wir außerdem noch hübsche Schwibbögen, die im Dunklen am Fenster durch ihren hellen Kerzenschein ein wärmendes Licht in den Raum der Menschen brachten. Die Geschichte dieses halbrunden Lichterbogens geht auch auf unsere damalige Bergbauarbeit zurück und erzählt unsere große und tiefe Sehnsucht nach dem Licht. 
Als Bergmann war ich früher sehr, sehr lange im dunklen Stollen, denn meine Schicht begann schon vor Sonnenaufgang und endete erst nach Sonnenuntergang und somit sah ich lange kein Licht, kein warmes helles Tageslicht. 
Ach, was sehnte ich mich nur nach Licht und was war ich froh, als ich endlich um 1850 als Holzkünstler meinen ersten Schwibbogen aus Metall herstellte und ihn mit ganz viel Licht versehen konnte. 
Die halbrunde Form des Bogens erinnert übrigens an den Ein-und Ausgang des Bergwerks. Für mich symbolisiert der Schwibbogen immer ein wunderschönes Bild: meine harte Arbeit ist zu Ende, ich laufe müde und erschöpft aus dem Bergwerk und am Ende des Stollens ist so viel Licht, da ist Wärme, da ist Hoffnung, da ist Familie. 


Mit den Jahren haben sich sowohl die Gestaltung, als auch die einzelnen Motive sehr verändert. So gab es damals überwiegend Metallbögen, heute gibt es ganze Schmuckstücke aus Holz, welche mit vielen filigranen Figuren, mehreren Ebenen und schönen Lichtspielen eine Geschichte erzählen können. 
Meine Schwibbögen waren früher oft sehr ähnlich, denn ich liebte es sehr, Engel und Bergmänner zu schnitzen. Damit verbinde ich so viele schöne Erinnerungen, denn der Engel symbolisiert meine Frau, die in der Dunkelheit abends mit ihrer Schürze und einer Kerze in der Hand am Fenster steht und so lange auf mich wartet, bis ich wieder aus dem Bergwerk zu ihr nach Hause zurückkehre. Hach..., mein Engel!


Ich staune immer wieder, wie wir Bergmänner damals das Holz so verarbeiteten, dass es durch unsere Handarbeit zum Leben erweckt wurde. So ist das auch mit den Nussknackern und den weihnachtlichen Pyramiden geschehen. 
Das Drehen der Pyramiden durch die steigende Wärme der Kerzen ist auf die Fördertechnik der Schachtanlagen im Bergbau zurückzuführen. Wie man sehen kann, geht die gesamte Ideenvielfalt auf den ursprünglichen Bergbau zurück.


Uns Erzgebirglern beschert die Holzkunst jedes Jahr ein wundervolles Weihnachtsland. Doch nicht nur zu Weihnachten bringen wir die Augen der Menschen zum Leuchten, denn wir können noch mehr! 
So sind über die Jahre auch klangvolle Spieldosen, Reifentiere und zur Osterzeit Dekorationen, wie Hasen oder Osterpyramiden entstanden. Doch auch für das ganze Jahr gibt es zahlreiche kleine, filigrane Blumenkinder und andere hübsche Miniatur-Figuren, somit kann uns die erzgebirgische Holzkunst im gesamten Jahresverlauf ein Lächeln schenken.

Ich bin stolz auf mich und meine Vorfahren, sowie meine Nachkommen, dass sie diese einzigartige Handwerkskunst so lebendig wie nie – auch im 21.Jahrhundert – weiterleben lassen und mit bedingungsloser Leidenschaft und Liebe voller Ideenreichtum für ihr Kunsthandwerk leben.
Ich bin mir sicher, dass sie noch viele weitere Kunstwerke entstehen lassen werden.
Für die Menschheit. 
Für ein Lächeln. 
Für Hoffnung.
Für ein Leben voller Liebe.


Also Glück auf dann!

Verfasst von Natalie Fleischer


Quellen:

– Eigenes Wissen aus Erzählungen in der Familie

Vgl.:

–    https://geschichte-wissen.de/blog/erzgebirge/
–    https://de.wikipedia.org/wiki/Erzgebirgische_Volkskunst
–    https://www.weihnachtszeit.net/weihnachtsdeko/erzgebirgische-holzkunst/
–    https://www.erzgebirge-palast.de/erzgebirge-volkskunst-blog/geschichte-des-schwibbogens
–    https://www.kunsthandwerkstube.de/Informationen-ueber-das-Raeuchermaennchen
–    https://www.weihnachtsmuseum.de/die-ausstellung/erzgebirge/raeuchermaennchen
–    https://www.weihnachtszeit.net/weihnachtsdeko/weihnachtspyramide/


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